Warum Jürgen Klopps Rhetorik überzeugt

Eine kurze Videobotschaft von Jürgen Klopp vor dem Champions League Finale 2019 geht viral. Sie ist nur eine Minute und 18 Sekunden lang. Mehr als eine Million Menschen sieht sie sich allein auf einem Kanal an. Viele britische und internationale Zeitungen berichten über diese Videobotschaft. Warum? Weil Jürgen Klopp sehr persönlich spricht, keine Klischees benutzt und eine echte tiefe Botschaft hat.

Jürgen Klopp ist ein hervorragender Rhetoriker. Oft trift er genau den Nerv. Er ist ein Meister des Pathos ohne je pathetisch zu werden. Leidenschaftlichkeit ist sein Markenzeichen. Er kann aber noch viel mehr. Ich möchte seine rhetorrischen Qualitäten anhand des kurzen Videogrußes analysieren, den er im Vorfeld des Champions League Finales an Dave Evans, einen totkranken Fan, sandte.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=WKnsCbf2OFQ
Jürgen Klopps Videobotschaft an Dave Evans, den totkranken Liverpool Fan.

Warum mir diese Videobotschaft von Jügen Klopp so gefällt

Jürgen Klopp findet einen beeindruckenden Schluss

  • Am beeindruckensten an dem ganzen Video ist der Schluss: Jürgen Klopp wird emotional (aus der Tiefe meines Herzens – „from the bottom of my heart“).
  • Er bricht ein (Beinahe-) Tabu, indem er sich zu seinem Glauben bekennt. (Ich bin Christ – „I’m a Christian“)
  • Dabei richtet er sich auf und schaut er besonders deutlich in die Kamera – dem Betrachter tief in die Augen.
  • Im Zusammenhang mit seinen letzten Worten (man sieht sich -„see you“) thematisiert er damit indirekt den bevorstehenden Tod von Dave Evans. Die Möglichkeit, dass er sterben wird, spricht sonst niemand an. In keiner der Videobotschaften an Dave Sweeney gibt es auch nur eine Andeutung, dass er sterben könnte. Klopp bricht so ein weiteres Tabu.
  • Der eigentliche Clou aber ist die tiefe Bedeutung, die Jürgen Klopp damit dem eigentlich abgeschmacken „see you“ gibt: Wir sehen uns im nächsten Leben. Du stirbst nicht, Du wirst auferstehen.
  • Eine echte Botschaft. Ein Geschenk. Vollkommenes Pathos. Absolute Glaubwürdigkeit.
  • Das alles in unter 20 Worten.

Jürgen Klopp ist sehr nahbar

  • Jürgen Klopp gelingt es immer wieder Nähe und Intimität herzustellen. Er tritt schnell in Resonanz zu seinem Publikum. Das setting (in einem der Räume des Liverpooler Clubs) ist sehr gut gewählt. Denn durch die Kombination von Kameraposition und seitlich gedrehter Sitzposition sitzen wir als Zuhörer direkt mit Jürgen Klopp in der Sofaecke.
  • Zum Gesamteindruck trägt auch die starke Anlehnung an die Rückenlehne bei. Eine solche Haltung findet man sonst nur in privaten, eher intimen Gesprächen.
  • Seine überzeugende Körpersprache ist im Bild sichtbar. Gestik und Körperbewegungen sieht man selten in solchen Botschaften. So wird deutlich, dass Jürgen Klopp wirklich beteiligt ist. Sein Blickkontakt in die Kamera ist perfekt. Nicht starr aber stetig. Beides zusammen macht seine Botschaft extrem glaubwürdig und persönlich.

Adressatenorientierung

Jürgen Klopp konzentriert sich ganz auf den Empfänger seiner Botschaft. Das wird an sehr vielen Stellen deutlich.

  • Der sterbenskanke Dave Evans hatte selbst zum Finale fliegen wollen. Und hatte dafür mehr als 11.000 Euro gespart. Durch den Hinweis auf den baldigen Abflug wird er mit auf die Reise genommen. Jürgen Klopp weiss offensichtlich wirklich, wer sein Adressat ist.
  • Durch eine Wendung des (Beinahe-) Klisches „we are with you“ (wir sind bei Dir) zu „you are with us“ (Du bist bei uns) entsteht etwas ganz Neues. Jürgen Klopp weiss, dass der Schmerz darin liegt, nicht selbst dabei sein zu können. Damit geht er sehr präzise auf seinen Adressaten ein. Ob ihm als Nichtmuttersprachler überhaupt bewusst ist, was er da tut, ist vollkommen egal.
  • Jürgen Klopp macht sehr deutlich, dass es nicht um ihn geht. Er merkt, dass „it is something really difficult to take it in even for me“ aussagt, wie schwer ihn die Kenntnis von Dave Evans Kankheit trifft. Dass das so klingen könnte, als sei er der wirklich Betroffene. Darum schiebt er sofort ein „but of course you…“ nach. Hier zeigt sich, dass er sich selbst beim Sprechen zuhört und kontrolliert.
  • Jürgen Klopp zeigt, dass er Dave Evans Situation wirklich begreift. „It’s not about football, it’s about life“. (Es geht nicht um Fußball. Es geht um das Leben.)
  • Zweimal bittet Jürgen Klopp Dave Evans ihm zuzustimmen. Dazu streut er ein kurzes, fragendes „yeah?“ ein. Daduch spricht Jügen Klopp nicht zu Dave Evans sondern mit ihm.
  • Innerhalb von nur 78 Sekunden und 180 Worten spricht Jürgen Klopp Dave Evans 14-mal mit Namen, Du, Deinem oder einem inklusiven wir an. Das ist sehr viel und zeigt den hohen Hörebezug, mit dem er spricht. Er führt ein Zwiegespräch.

Was mir ausserdem an Jürgen Klopps Videobotschaft gefällt

  • Jügen Klopp bleibt klischeefrei. Er vergleicht das Finale eben nicht mit Dave Evans Kampf gegen seine Krankheit. Er sagt auch nicht, dass Liverpool für Dave kämpfen würde. Denn er findet wirklich ganz eigene Worte und eine ganz eigene Botschaft.
  • Vorab erklärt Jürgen Klopp, wann er das Vido aufnimmt. „one hour before we leave for Madrid“ (eine Stunde vor dem Abflug nach Madrid) Daraus wird deutlich, dass er sich Zeit nimmt, obwohl sie knapp ist. Das macht die Videobotschaft wertvoller.
  • Jügen Klopp schließt seine Erklärung, warum Fußball gespielt wird, mit einer Triade ab. „Hope, joy, good moments to remember“ (Hoffnung, Freude, gute Erinnerungen) Diese Betonung macht seine Erklärung zu einem Bekenntnis. Es ist nicht nur so dahin gesprochen.
  • Jürgen Klopp ist sehr genau und korrigiert sich auch. Aus „last season“ (letzte Saison) wird, dass er seit dreieinhalb Jahren in Liverpool sei. Diese Präzision macht das darauf folgende „That makes us friends“ (Das macht uns zu Freunden) so wertvoll. Dadurch klingt er sehr ehrlich. Gleichzeitig ist das auch eine Wiederholung und macht damit den ersten Teil seines Arguments, dass sie Freunde sein, stärker.
  • Jürgen Klopp lässt seine Betroffenheit spüren und bleibt während der gesamten Aufnahme voll konzentiert. Dabei wird er, trotz seiner lässigen Sitzposition, nicht nachlässig.

Wie könnte Jürgen Klopp noch besser wirken?

Mit Veränderungen bei den folgenden Punkten, könnte Jürgen Klopp noch mehr Menschen erreichen:

  • Jürgen Klopp sagt relativ häufig (12 mal) „ähm“. Er verwendet „but“ und „and“ viel zu oft und verbindet so Sätze, die nicht zusammen gehören. Dadurch ist er schwerer zu verstehen. Gleichzeitig wird so aber deutlich, dass er den Inhalt seiner Botschaft spontan entwickelt und nicht einen abgestimmten, geglätteten und damit vielleicht weniger glaubwürdigen Text (nach)spricht. Ich würde mir eine deutliche Reduzierung wünschen. Klinisch rein sollte es nicht werden.
  • Er nuschelt. Eine etwas deutlichere Artikulation würde es noch leichter machen, ihm zu folgen.
  • Da sein Bart seine Lippen verdeckt, ist sein Lächeln nur schwer auszumachen. Vielleicht wäre etwas weniger Bart an dieser Stelle besser.

Was wir von Jürgen Klopp lernen können

  1. Sei mutig.
  2. Hab wirklich etwas zu sagen. Eine richtige Botschaft.
  3. Zeige Dich.
  4. Geh auf Dein Publikum ein.
  5. Suche Dir das richtige Setting aus, das Deinen Auftritt kongenial unterstützt.

Text der Videobotschaft

„Hi Dave, Jürgen Klopp here from Liverpool in a moment like an hour before we leave to Madrid. I heard about your story and of course it is something really difficult to take even for me but of course you. But I heard you are an unbelievable fighter and the only thing I can tell you is we think of you. (Yeah?) You are really with us.“

„That is the only message I want to give to you and that you fought so hard I could not make comparisons to what the team did over the year but it is more than football, (yeah?) it is about life and the only thing what we would try to do the whole year is to give people some hope. Some joy. Some good moments to remember. „

„And we share these moments. This season or let’s say for the three and a half years since I’m in. We share these experiences. That makes us actually friends. I wish you from the bottom of my heart all the best and (yeah.) I’m Christian so see you.“*

Ich helfe Ihnen gern, den Mut zu fassen, Ihre Anliegen so souverän wie Jürgen Klopp zu vertreten. Am schnellsten ginge das im Rhetorik-Bootcamp.

*Ich habe den Text wegen der besseren Lesbarkeit etwas geglättet.

Die Begrüßungsrede

Begrüßungsreden werden oft unterschätzt. Vor allem darin, wie quälend eine schlechte Begrüßungsrede sein kann. Wie oft haben Sie z.B. schon einmal folgendes gehört?

Ein schlechtes Beispiel

„Guten Tag meine Damen und Herren. Schön, dass sie so zahlreich erschienen sind. Wir sind heute wieder hier in dieser xxxx um XXX. Bevor wir aber gleich zu XXX kommen, möchte ich unsere Gäste begrüßen.“  Es folgend zwei Minuten Namensliste.

So etwas ist L A N G W E I L I G – L I E B L O S – R U F S C H Ä D I G E N D **.

Eine Begrüßungsrede kann dessen eine bedeutsame Geste sein. Zeigen Sie Ihre Wertschätzung. Dann wird die Begrüßungsrede zum Aushängeschild Ihrer Veranstaltung. Ob Lehrlingsversammlung, Ausstellungseröffnung oder Kundenveranstaltung – auch mit einer Begrüßungsrede kann man sein Publikum begeistern.*

So gelingt die moderne Begrüßungsrede

Moderne Begrüßungsreden sind individuell und persönlich. Dann beeindrucken sie nachhaltig: inhaltlich und menschlich. Versuchen Sie es einmal so:

  1. Einstieg mit einer Geschichte, die an Punkt drei weitergeführt wird. Ebenfalls möglich: Ankedote, Rahmenerzählung.
  2. Bgrüßung der Hauptperson = Ehrengast Nummer 1.
  3. ggf. Vorstellung der eigenen Person (kurz!)
  4. Weiterführung des unter eins begonnenen mit Einbettung der Begrüßung der anwesenden Honoratioren („Ehren“gäste). Dabei bilden Sie – wo immer passend – Gruppen, um Zeit bei der Vorstellung und beim Applaus zu sparen.
  5. Einstimmung auf die Veranstaltung
  6. Ausstieg / Anmoderation des nächsten Redners

Zu Beginn einer Veranstaltung ist das Publikum extrem aufmerkam. Diese kostbaren Momente sollte man nicht ungenutzt verstreichen lassen. Das Verlesen von Namenslisten zeugt von Lieblosigkeit und führt zu Langeweile. Das hier beschriebene abweichende Vorgehen überrascht und unterhält und bietet so die besten Chancen, Sie als gute Redner*in bekannt zu machen.

Wie lange dauert eine Begrüßungsrede?

Eine Begrüßungsrede sollte nicht länger als fünf Minuten dauern. Versuchen Sie gern kürzer zu bleiben, aber hetzen Sie sich nicht. Es braucht Zeit, die Dinge richtig zu machen.

Warum hält man eine Begrüßungsrede?

Mit einer Begrüßungsrede bringen Sie Ihren Gästen Wertschätzung entgegen. Ausserdem können Sie so die Wertigkeit Ihrer Veranstaltung betonen. Autorität speist sich unter anderem aus der Nähe zu wichtigen Personen. Zeigen Sie, was Sie zu bieten haben.

Wann sollten Sie die Teilnehmer*innen und Gäste begrüßen?

Die Begrüßungsrede gehört an den Anfang der Veranstaltung. Sie ist immer die erste Rede des Tages. Wenn Sie zu einer fixen Uhrzeit eingeladen haben, ist nicht mehr als 15 Minuten später oder wenn alle Ihren Platz gefunden haben, der richtige Zeitpunkt gekommen. Falls Sie in Ihrer Einladung davon gesprochen haben, dass Sie sich „ab X Uhr“ auf Ihre Gäste freuen, warten Sie etwas länger. Oft lässt sich dann die Begrüßungsrede mit der Eröffnung des Buffets verbinden.

Wie beginnt man eine Begrüßungsrede?

Wie jede andere Rede auch beginnt eine Begrüßungsrede mit einer gelungenen Einleitung. Beginnen Sie nicht gleich mit der Nennung einzelner Gästenamen. Der Redeeinstieg ist auch bei der Begrüßungsrede wichtig. Erst, wenn der Einstieg geglückt ist, ist der richtige Zeitpunkt für die Begrüßung gekommen. Machen Sie uns erst den Mund wässrig und handeln Sie dann die Pflichtpunkte ab.

Wen sollten Sie begrüßen?

Jede Veranstaltung und Feier hat Teilnehmer*innen, Gäste, Beteiligte und Ehrengäste.

  • Teilnehmer werden ganz allgemein mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ oder einer Entsprechung begrüßt.
  • Gäste können ebenso begrüßt werden, wenn es sich nicht um wichtige Personen oder offizielle Abgesandte handelt. Diese – wie auch besonders weit angereiste Gäste – werden wie Ehrengäste behandelt.
  • Redner und andere Personen, die einen Beitrag bei der Veranstaltung leisten, werden mit der Anmoderation Ihres Beitrages begrüßt. Sie müssen nicht zusätzlich schon bei der Begrüßung angesprochen werden – es sei denn, Sie möchten das Interesse der Zuhörer bereits vorab wecken.
  • Ehrengäste sollten mit Namen und gegebenenfalls Funktion begrüßt werden. Wenn Sie der Nennung des Namens eine kleine Vorstellung oder ein persönliches Wort hinzufügen, ist es für den Gast und die anderen Zuhörer*innen viel lohnender. Sorgen Sie dafür, dass die Begrüßung nicht langweilig wird. Nutzen Sie die Begrüßung aktiv, um sich selbst und Ihr Anliegen ins richtige Licht zu rücken

Der Ehrengast

Der Ehrengast ist ein Ehrengast, weil seine Anwesenheit eine Ehre für Sie ist bzw. er mit der Veranstaltung geehrt werden soll. Für ihn ist es eine (vielleicht sogar lästige) Pflicht. Machen Sie ihm oder Ihr die Sache mit einer ausgefeilten Begrüßung angenehm. Ehrengäste wären keine Ehrengäste, wenn sie es nicht verdient hätten oder es sich noch verdienen könnten. Begrüßen Sie typischerweise lieber einen Gast mehr als einen weniger.

Für machen Ehrengast lohnt sich sein Kommen nur, wenn er begrüßt wird. Ausserdem bringt ein Ehrengast Glanz in Ihre Veranstaltung. Nicht zuletzt könnte es sich in der Zukunft auszahlen, sich den Ehrengast gewogen zu machen.

Beispiele für gelungene Begrüßungen

„Ich begrüße ausserdem die Inhaberin von Spiele-Maier, Frau Maier, die uns mit Ihrer großzügigen Spende den Ausflug nach Potsdam ermöglicht hat.“ – Wird so nicht die nächste Spende gleich viel wahrscheinlicher?

„Herzlich willkommen heiße ich Direktor Maier: Er hat bereits vor fünf Jahren vohergesagt, was heute endlich zum Abschluß kommt.“ – Wetten, dass er sich an diese Begrüßung gern erinnern wird?

Denken Sie sich gern etwas anderes aus, um die normalen Gäste zu begrüßen. „Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde“, „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ sind genauso langeweilig wie „verehrte Kolleginnen und Kollegen“. Wie wäre einmal mit „Liebe Heldinnen und Helden der Buchhaltung“?

Meine Geschichte

Als Abgeordnete war ich natürlich oft im Wahlkreis untewegs. Oft genug wurde ich damals bei Veranstaltungen nicht offiziell begrüßt. Deshalb wusste dann kaum jemand, dass ich da war. Denn seien wir ehrlich: Würden Sie Ihre Abgeordnete auf der Straße erkennen? Nicht begrüßt zu werden, war eine sehr frustrierende Erfahrung für mich. Nicht, weil ich so besonders eitel bin, sondern weil es mir meinen Job so schwer gemacht hat.

Mit Mitte Dreissig ging ich nämlich nicht nicht zum Altenkaffee, um mich zu amüsieren. Ich ging ausschließlich dorthin, damit mich meine Wähler*innen treffen konnten. Und damit meine Parteikolleg*innen mich sahen. Wenn ich nicht begrüßt wurde, dann hatte sich der Termin eher nicht gelohnt. Also: Wichtige Gäste, Menschen, von denen man etwas erwartet, Menschen, die kommen, um Ihnen einen Gefallen zu tun, müssen begrüßt werden.

Extra-Tipp

Wenn es ein Journalist*in zu Ihrer Veranstaltung geschafft hat, sollten Sie darüber nachdenken, ihn zu begrüßen. Das passiert viel zu selten und wird darum als echte Geste begriffen.

Wie sieht die richtige Reihenfolge bei der Begrüßung aus?

Eigentlich ist es ganz einfach. Bitte begrüßen Sie den für Ihre Veranstaltung wichtigsten Gast als ersten. Danach die anderen (Ehren-)Gäste in absteigender Reihenfolge. Die Reihenfolge wird durch die Rangordnung unter den Beteiligten bestimmt.

Zeit sparen

Wenn Sie – wie z. B. beim Neujahresempfang – extrem viele Gäste begrüßen müssen, bilden Sie bitte Gruppen. „Ich freue mich, dass so viele Abgesandte unserer Partnergemeinden mit uns feiern: Herr X, Leiter des Kunstamts aus Berlin-Neukölln, Frau Y, die Stadtkämmerin X aus Wesel und Frau Z, Bibliotheksleiterin aus Xanten.“

Achten Sie darauf, innerhalb jeder Gruppe die immer gleiche Reihenfolge (im obigen Beispiel alphabetisch nach Ortsnamen) zu nutzen. Dann machen Sie sich mit diesem Vorgehen niemandem zum Feind und alle sind froh, dass es schneller geht.

Offizielle Rangordnungen

Das Bundesministerium des Inneren stellt keine protokollarische Rangordnung mehr zur Verfügung. Ganz früher konnte man dort lange Listen einsehen. Die offizielle Begründung lautet, dass Ranglisten von Anlass zu Anlass variiert werden müssten. Das ist grundätzlich richtig. Je nach Anlass ist die eine oder die andere Gruppe wichtiger. Das war allerdings schon immer so. Es scheint, dass man den Diskussionen um die Einstufungen entgehen möchte. Man möchte wahrscheinlich nicht erklären müssen, ob und wann der Chef von Amnesty International vor dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages geführt wird.

Von Anlass zu Anlass unterschiedlich

Sie müssen also Ihre eigene protokollarische Rangliste erstellen. Eine Aufgabe, die Kopfschmerzen bereiten kann. Je nachdem ist mal der Eine und mal die Andere „schutzbedürftiger“, „wichtiger, „wertvoller“.

Ich bin mir trotzdem sicher, dass es verschiedene Ranglisten gibt, weil man nicht jede Entscheidung immer wieder neu wird treffen wollen. Die jüngste „offizielle“ und veröffentlichte Liste, die ich finden konnte, ist die

Rangfolgeliste der Thüringer Staatskanzlei von 1992***:

  • „Ministerpräsident
  • Landtagspräsident
  • Präsident des Landesverfassungsgerichts
  • die Erzbischöfe, Landesbischöfe, Bischöfe, Landessuperintendenten, Landesrabbiner
  • der Stellvertretende Ministerpräsident
  • die Landesminister in der bei ihrer Ernennung festgelegten Reihenfolge
  • die Vorsitzenden der Fraktionen des Landtags nach der Fraktionsstärke
  • die Vorsitzenden der im Landtag vertretenen Parteien nach der Fraktionsstärke der Parteien
  • die Vorsitzenden der Ausschüsse des Landtags
  • die Abgeordneten des Landtags
  • die Staatssekretäre
  • Repräsentanten der kommunalen Spitzenverbände.

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlamentes sind an geeigneter Stelle, im gleichen Rang wie die Abgeordneten des Landtags, einzuordnen.

Persönlichkeiten aus anderen Bereichen (Künstler, Wissenschaftler, Sportler, etc.) sind gegebenenfalls als Ehrengäste zu plazieren.

Die Landesregierung empfiehlt auch anderen Veranstaltern diese Reihenfolge. Sie legt ihnen dabei stets ein hohes Maß an Flexibilität und die Anpassung an den jeweiligen Anlaß nahe.“ ***

Wo man ausserdem Informationen findet

Die Bundesregierung erklärt ein paar Fragen online. So z. B die Rangfolge der Vertreter der Verfassungsorgane. Die Dienstaltersliste der Bundesminister und Länderparlamentspräsidenten und weitere Zusammenstellungen finden Sie hier. Es ist übrigens keinesfalls so, dass kommunalen Organe immer den Bundesorganen den Vorrang lassen müssen. Jede Ebene muss berücksichtigt werden. Der Bund vertritt nicht automatisch alle anderen Ebenen.

Für die Leiter der diplomatischen Vertretungen in Deutschland legt das Auswärtige Amt eine (verbindliche) Rangfolgeliste vor. Die Vertreter*in des heiligen Stuhls steht immer auf Platz 1. Die weiteren Diplomaten werden auf der sogenannten Anciennitätenliste nach dem Datum der Akkreditierung gereiht.

Wenn Sie sich gar nicht entscheiden können, ob der Kardinal vor oder nach der Oberbürgermeisterin der Nachbarstadt genannt werden muss, dann fragen Sie doch mal nach. Wenden Sie sich z.B. an das Protokoll des Bundesministeriums des Inneren oder des Bundestagspräsidenten. Auch jedes Bundesland, die meisten Städte über 500.000 Einwohner und viele große, mulinationale Unternehmen besitzen eigene Protokolabteilungen. Wahrscheinlich hilft man Ihnen gern. Scheuen Sie sich also nicht, um Hilfe zu bitten.

Wie man eine eigene Rangliste aufstellt

Ranglisten ergeben sich aus der Rangordnung zwischen den Anwesenden.

Zuerst kommen immer die Ehrengäste und dann gestaffelt alle anderen, die begrüßt werden sollen. Ehrengast sind die, die gefeiert werden / die, deren Werke ausgestellt werden / die Hausherr*innen / vielleicht auch die, die bezahlen. (Wenn Sie nicht der Gastgeber sind.) Überlegens Sie sich gut, wen Sie begrüßen möchten Zuviel ist zuviel. Hier nun die vier grundlegenden Regeln, die dabei helfen können Ranglisten aufzustellen.

  1. Schutzbedürfnis
  2. Verfassungsgemäßer Rang
  3. Direkt gewählt oder „nur“ ein Amtsinhaber. (Wenn alle Macht vom Volk ausgeht, dann müssen dessen Repräsentanten vorn stehen.)
  4. Hirarchie – Chef vor dem Untergebenen.

Schutzbedürfnis

Das Schutzbedürfnis kann man anhand der folgenden drei Kriterien einschätzen.

  1. Fremde, (weitgereiste) Gäste und Neuankömmlinge vor Einheimischen und Etablierten
  2. alt vor jung
  3. Damen vor Herren (Dieser Grundsatz tritt heute mehr und mehr zurück. Im Job geht die Hirarchie immer vor!)

Hirachie

Hier gilt: Bei ansonsten gleichem Rang entscheidet das Amts- (Dienst-) alter. Kann das nicht genutzt werden, wählen Sie „einfach“ aus, ob das Alphabet oder das Geschlecht entschieden soll. Dann bitte Frauen (=Damen) vor Männern (=Herren). Sie könnten aber auch die weiteste Anreise als Kriterium festlegen. Wichtig ist, dass Sie eine einmal getroffene Entscheidung grundsätzlich, d.h. für alle Teile Rangliste geichmäßig beibehalten.

Begleiter*innen

Begleiter*innen teilen den Rang Ihrer Partner*innen. Sie werden an zweiter Stelle nach ihnen begrüßt. „Frau Dr. Maier und Gatte“. Oft lässt man die Begrüßung auch entfallen. Entscheiden Sie sich für eine Methode und bleiben sie konsequent.

Weitere Regeln und Sonderfälle

Der wichtigste Ehrengast: Die Hauptperson des Abend wie z.B. Künstler*inen, deren Bilder ausgestellt werden. Wenn der Abend einen bestimmten Menschen ehren soll – dann gehen dieser allen anderen vor. Vorrang hätte dann nur noch die Bundespräsident*in, die Vertreter*in aller Bürger oder eine ausländischer Botschafter oder König*in.

Enge vor entfernter Verbindung zum Anlass: Die nahen Weggefährten des Jubilars z. B. sind höher einzuschätzen als die „normalen“ Ehrengäste.

Wenn die erste Bürger*in Ihrer Stadt – die Oberbürgermeister*in (Bürgermeister*in, Landrät*in) – anwesend ist, wird sie als erstes (nach dem wichtigsten Ehrengast) begrüßt. Sie vertritt alle Bürger. Ihr gehen nur höhste ausländische Würdentäger vor.

Wie können Sie wissen, ob Sie die die richtige Rangfolge aufgestellt haben?

Ob Sie es richtig gemacht haben, ist nicht immer ganz einfach zu beantworten. Die entscheidene Testfrage ist: Könnte ein Gast beleidigt sein? Legen Sie Ihre Rangliste abschließend Anderen, deren Urteil Sie vertrauen, vor. So kommt man meist zu guten Ergebnissen.

Ein paar Praxisbeispiele finden sich hier.

Wer hält die Begrüßungsrede?

Die Begrüßungsrede hält immer die Gastgeber*in. Diese Pflicht können Sie nicht delegieren. Aber Sie können sich dabei helfen lassen.

Wie kann man Ihnen zuarbeiten?

Nach dem Verschicken der Einladungen

  • Einladungsliste in eine Rangordnung umwandeln.
  • Absagen aus der Liste streichen – oder den Ersatz einfügen.
  • Markieren der zu begrüßenden Personen auf der Rangliste.
  • Rangordnung und Begrüßungsbedarf nachprüfen lassen.
  • Markieren Sie alle Personen, die begrüßt werden sollen und zu denen Sie mehr Informationen brauchen. Lassen Sie sich die Leerstellen auffüllen.

Am Tag der Veranstaltung – Wenn Sie es perfekt machen wollen

Platzieren Sie am Tag der Veranstaltung an allen Eingängen Kontrollpunkte Hier wird vermerkt, wer gekommen ist. Es ist recht peinlich, jemanden zu begrüßen, der nicht da ist. Noch peinlicher ist es, wenn jemand wirklich wichtiges überraschend kommt und dann nicht begrüßt wird.

Die Kontrollpunkte werden darum am besten immer mit zwei Personen besetzt. Mindestens eine dieser Personen sollte mit dem Kreis der Eingeladenen vertraut sein. An den Kontrollpunkten werden alle Ankommenden im Namen des Veranstalters begrüßt.

Bevor es losgeht, erhält die Gastgeber*in den aktuellen Stand und kann so die Begrüßungsrede gegebenenfalls anpassen.

Wann ist eine Begrüßungsrede nicht angemessen?

Bitte planen Sie keine Begrüßungsrede für Trauerfeiern, Beerdigungen oder Gedenkfeiern ein. Zu einem traurigen Anlass kann man niemanden voller Schwung willkommen heissen.

Falls Sie es für angemessen halten, können Sie eventuell anwesende Ehrengäste in der Hauptrede ansprechen. Auch das gibt Ihnen die Möglicheit sich für das Kommen und die gezeigte Anteilnahme zu bedanken.

Vielleicht wollen Sie z.B. auch die Trauernden trösten. Dann dürfen Sie sie dazu natürlich direkt ansprechen.

Und wenn ein Fehler gemacht wurde?

Es wurde vergessen einen wichtigen Gast zu begrüßen? Holen Sie es einfach nach. Dazu findet sich immer eine Gelegenheit. Sagen Sie nicht, dass Sie den Gast vergessen haben. Warten Sie nicht bis zum Abschluss der Veranstaltung.

Jemand ärgert über seine Einstufung auf der Rangliste? Eine Entschuldigung tut nicht weh und kostet nichts. Wem die Rangordnung so wichtig ist, dass er sich selbst beschwert, der hat eine Entschuldigung verdient. In jedem Fall. (Auch wenn wir selbst denken, dass die Beschwerde unberechtigt ist. In diesen Dingen hat jeder seine eigene Wahrheit.)

* Gern helfe ich Ihnen dabei, mit Ihrer Begrüßungsrede wesentlich zum Gelingen der Veranstaltung beizutragen.

** Die einzigen, die zahlreich erscheinen können, sind Schwangere und Menschen mit multiplen oder gespaltenen Persönlichkeiten … Wer zu einem Ort oder einer Veranstaltung gegangen ist und dann nicht weiss wo er ist, braucht wahrscheinlich Hilfe.

*** Antwort des Chefs der Thüringer Staatskanzlei auf eine Kleine Anfrage mit Schreiben vom 7. September 1992. Zitiert nach Jura Magazin: JuraMagazin Verein, Schabergstr. 6, 58095 Hagen – Email:post(at)juramagazin(.)de Webseite: www.juramagazin.de mit Status am 28.5.2019: http://www.juramagazin.de/184871.html

Adressatenorientierung

Adressatenorientierung ist doch selbstverständlich – glaubt man. Aber haben Sie schon daran gedacht, dass eine Präsentation um 10 Uhr eventuell ganz anders sein muss als eine um 20 Uhr? (…wenn alle gerade gegessen haben?)

Zeigen Sie, dass Sie verstehen, nach welchen Spielregeln Ihre Zuhörergruppe* arbeitet und was sie braucht. Finden Sie Metaphern und Vergleiche, die wirken. Emotionale Trigger funktionieren nur, wenn sie sich wie Messer ins Zentrum des Erlebens bohren.

Entdecken Sie Haltungen und Einstellungen Ihres Publikums. Meine Checkliste Adressatenorientierung hilft dabei. 

Adressatenorientierung unterwirft

jeden Aspekt der Präsentation einer Prüfung. Jede Gruppe hat ihre eigenen (Denk-) Gewohnheiten, Eigenheiten und Einstellungen. Für eine wirklich adressatenorientierte Präsentation muss der Fokus sehr weit gewählt werden, damit Ihnen nichts entgeht. Wenn z.B. das Datum Ihrer Präsentation für Ihre Zuhörer ein besonderes ist, sollten Sie das wisen. Hier noch ein paar Beispiele für Klippen beim Thema Adressatenorientierung.

  • Deutschland ist weltberühmt für seine Autos. Trotzem ist Neuwagengeruch bei Menschen unter 40 kein emotionaler Trigger mehr. (Fun Fact: „Zwischengas“ werden die meisten von Ihnen googeln müssen.)
  • Derselbe Sachverhalt bekommt beim Vorstand vielleicht nur drei, in der Fachabteilungsrunde aber 15 oder sogar 45 Minuten. Der Vorstand möchte nur eine Botschaft hören, die Fachabteilung muss grundlegend informiert werden.
  • Fußballmetaphern sind besonders in Deutschland für (fast) jeden verständlich und werden hochgeschätzt. Das kann in einem Schachclub trotzdem ganz anders sein.
  • Wenn jemand Campingurlaub macht, dann hat er beim Thema Service ganz andere Assoziationen als ein Besucher der Robinson Clubs.

Ihr Publikum hat eine Archillesferse. Aber wo?

Ihre Präsentation kommt an, wenn Sie Ihr Pulikum an seinen empfindlichen Stellen treffen. Hagen konnte Siegfried nur töten, weil er wusste, wo das Lindenblatt die Benetzung mit Drachenblut verhindert hatte.

Nehmen Sie Ihr Publikum mit all seinen Eigenschaften richtig unter die Lupe. Richten Sie das Brennglas auf die besonderen Punkte.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass z.B. jede Alterskohorte durch ganz bestimmte Probleme geprägt wird? Die Babyboomer hatten immer damit zu kämpfen, dass es zu viele von ihnen gab. Die Generation Einzelkind lernt so etwas jetzt erst kennen, denn sie findet für ihre Kinder keine Kindergartenplätze. Entdecken Sie solche Lindenblätter in den Lebensumständen Ihres Publikums.

*Für Reden, die ein Publikum zweiten Grades erreichen, kann (zusätzlich) etwas ganz anderes gelten.