Warum Jürgen Klopps Rhetorik überzeugt

Die besondere Kraft von Jürgen Klopps Rhetorik zeigt sich immer wieder. 2019 geht eine kurze Videobotschaft an einen todkranken Fan viral. Sie ist nur eine Minute und 18 Sekunden lang. Mehr als eine Million Menschen sieht sie sich allein auf einem Kanal an. Viele britische und internationale Zeitungen berichten darüber. Warum? Weil Jürgen Klopp überzeugt. Er spricht sehr persönlich, benutzt keine Klischees und hat eine echte tiefe Botschaft.

Jürgen Klopp ist ein hervorragender Rhetoriker. Oft trift er genau den Nerv. Er ist ein Meister des Pathos ohne je pathetisch zu werden. Leidenschaftlichkeit ist sein Markenzeichen. Er kann aber noch viel mehr. Ich möchte seine rhetorischen Qualitäten anhand des kurzen Videogrußes analysieren, den er im Vorfeld des Champions League Finales an Dave Evans sandte.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=WKnsCbf2OFQ
Jürgen Klopps Videobotschaft an Dave Evans, den todkranken Liverpool Fan.

Warum mir diese Videobotschaft so gefällt

Jürgen Klopp findet einen tief beeindruckenden Schluss

  • Am beeindruckensten ist der Schluss des Videos. Hier zeigt Jürge Klopp sein ganzes rhetorisches Können. Er wird emotional (aus der Tiefe meines Herzens – „from the bottom of my heart“). Dadurch werden seine Worte umso wertvoller. Sie sind etwas ganz persönliches.
  • Er bricht ein (Beinahe-) Tabu, indem er sich zu seinem Glauben bekennt. (Ich bin Christ – „I’m a Christian“) Damit sorgt er für Aufsehen. Man hört noch einmal ganz genau zu.
  • Dabei richtet er sich auf und schaut er besonders deutlich in die Kamera – dem Betrachter tief in die Augen. Damit wird dieses Bekenntnis gleichzeitig glaubwürdig und intim.
  • Im Zusammenhang mit seinen letzten Worten (man sieht sich -„see you“) thematisiert er damit indirekt den bevorstehenden Tod von Dave Evans. Die Möglichkeit, dass er sterben wird, spricht sonst niemand an. In keiner der Videobotschaften an Dave Sweeney gibt es auch nur eine Andeutung, dass er sterben könnte. Klopp bricht so ein weiteres Tabu.
  • Der eigentliche Clou aber ist die tiefe Bedeutung, die Jürgen Klopp damit dem eigentlich abgeschmacken „see you“ gibt: Wir sehen uns im nächsten Leben. Du stirbst nicht, Du wirst auferstehen. Was für eine überraschende Wendung.
  • Eine echte Botschaft. Ein Geschenk. Vollkommenes Pathos. Absolute Glaubwürdigkeit.
  • Das alles in unter 20 Worten.

Er ist sehr nahbar

  • Jürgen Klopp gelingt es immer wieder Nähe und Intimität herzustellen. Er tritt schnell in Resonanz zu seinem Publikum. Das setting (in einem der Räume des Liverpooler Clubs) ist sehr gut gewählt. Denn durch die Kombination von Kameraposition und seitlich gedrehter Sitzposition befinden wir uns als Zuhörer direkt mit Jürgen Klopp in der Sofaecke.
  • Zum Gesamteindruck trägt auch die starke Anlehnung an die Rückenlehne bei. Eine solche Haltung findet man sonst nur in privaten, eher intimen Gesprächen. Niemals in offiziellen.
  • Seine überzeugende Körpersprache ist im Bild sichtbar. Gestik und Körperbewegungen sieht man selten in solchen Botschaften. So wird deutlich, dass Jürgen Klopp wirklich beteiligt ist. Sein Blickkontakt in die Kamera ist perfekt. Nicht starr aber stetig. Beides zusammen macht seine Botschaft extrem glaubwürdig und persönlich.

Adressatenorientierung

Jürgen Klopp konzentriert sich ganz auf den Empfänger seiner Botschaft. Das wird an sehr vielen Stellen deutlich.

  • Der sterbenskanke Dave Evans hatte selbst zum Finale fliegen wollen. Und hatte dafür mehr als 11.000 Euro gespart. Durch den Hinweis auf den baldigen Abflug wird er mit auf die Reise genommen. Jürgen Klopp weiß offensichtlich wirklich, wer sein Adressat ist.
  • Durch eine Wendung des (Beinahe-) Klisches „we are with you“ (wir sind bei Dir) zu „you are with us“ (Du bist bei uns) entsteht etwas ganz Neues. Jürgen Klopp ist bewusst, dass der Schmerz darin liegt, nicht selbst dabei sein zu können. Damit geht er sehr präzise auf seinen Adressaten ein. Ob ihm als Nichtmuttersprachler überhaupt bewusst ist, was er da tut, ist vollkommen egal.
  • Jürgen Klopp macht sehr deutlich, dass es nicht um ihn geht. Er merkt, dass „it is something really difficult to take it in even for me“ aussagt, wie schwer ihn die Kenntnis von Dave Evans Kankheit trifft. Dass das so klingen könnte, als sei er der wirklich Betroffene. Darum schiebt er sofort ein „but of course you…“ nach. Hier zeigt sich, dass er sich selbst beim Sprechen zuhört und kontrolliert. Er macht so klar, dass er keine Sprüche klopft.
  • Jürgen Klopp zeigt, dass er Dave Evans Situation wirklich begreift. „It’s not about football, it’s about life“. (Es geht nicht um Fußball. Es geht um das Leben.)
  • Zweimal bittet Jürgen Klopp Dave Evans ihm zuzustimmen. Dazu streut er ein kurzes, fragendes „yeah?“ ein. Damit spricht Jügen Klopp nicht zu Dave Evans sondern mit ihm.
  • Innerhalb von nur 78 Sekunden oder 183 Worten spricht Jürgen Klopp Dave Evans 14-mal mit Namen, Du, Deinem oder einem inklusiven wir an. Das ist sehr viel und zeigt den hohen Hörebezug, mit dem er spricht. Das zeichnet Jürgen Klopps Rhetorik aus. Er führt Zwiegespräche.
  • Diese große Nähe findet sich schon in seiner berühmten Abschiedsrede von Mainz. Damals war er mehr als 15 Sekunden stumm, bevor er weinend weitersprechen konnte. Beeindruckend war schon damals die Qualtiät und Innigkeit seiner Dankesworte (0:50 – 3:21) an „jeden persönlich“ (3:15).

Was mir außerdem an der Videobotschaft gefällt

  • Jügen Klopps Rhetorik bleibt klischeefrei. Er verzichtete schon immer auf Flokeln und Durchhalteparolen. Er vergleicht das Finale eben nicht mit Dave Evans Kampf gegen seine Krankheit. Er sagt auch nicht, dass Liverpool für Dave kämpfen würde. Denn er findet wirklich ganz eigene Worte und eine ganz eigene Botschaft.
  • Vorab erklärt Jürgen Klopp, wann er das Vido aufnimmt. „one hour before we leave for Madrid“ (eine Stunde vor dem Abflug nach Madrid) Daraus wird deutlich, dass er sich Zeit nimmt, obwohl sie knapp ist. Das macht die Videobotschaft wertvoller.
  • Jügen Klopp schließt seine Erklärung, warum Fußball gespielt wird, mit einer Triade ab. „Hope, joy, good moments to remember“ (Hoffnung, Freude, gute Erinnerungen) Damit wird seine Erklärung zu einem Bekenntnis. Sie ist nicht nur so dahin gesprochen.
  • Jürgen Klopp ist sehr genau und korrigiert sich auch. Aus „last season“ (letzte Saison) wird, dass er seit dreieinhalb Jahren in Liverpool sei. Diese Präzision macht das darauf folgende „That makes us friends“ (Das macht uns zu Freunden) so wertvoll. Dadurch klingt er sehr ehrlich. Gleichzeitig ist das auch eine Wiederholung und macht damit den ersten Teil seines Arguments, dass sie Freunde sein, stärker.
  • Jürgen Klopps Rhetorik lässt uns seine Betroffenheit spüren. Totzdem bleibt während der gesamten Aufnahme voll konzentiert. Dabei wirkt er, trotz seiner lässigen Sitzposition, nicht nachlässig. Genau diese Kobination macht das Besondere der Rhetorik von Jürgen Klopp aus.

Was würde er seine Rhetorik verbessern?

Mit Veränderungen bei den folgenden Punkten, könnte Jürgen Klopps Rhetorik noch mehr Menschen erreichen:

  • Jürgen Klopp sagt relativ häufig (12 mal) „ähm“. Er verwendet „but“ und „and“ viel zu oft. Damit verbindet er Sätze, die nicht zusammen gehören. Dadurch ist er schwerer zu verstehen. Gleichzeitig wird so aber deutlich, dass er den Inhalt seiner Botschaft spontan entwickel. Er spricht nicht etwa einen abgestimmten, geglätteten Text (nach). Ich würde mir eine deutliche Reduzierung wünschen. Klinisch rein sollte es nicht werden.
  • Er nuschelt. Eine etwas deutlichere Artikulation würde es leichter machen, ihm zu folgen.
  • Da sein Bart seine Lippen verdeckt, ist sein Lächeln nur schwer auszumachen. Vielleicht wäre etwas weniger Bart an dieser Stelle besser.

Was wir von Jürgen Klopps Rhetorik lernen können

  1. Hab wirklich etwas zu sagen. Eine richtige Botschaft.
  2. Sei mutig. Zeige Dich. Sei Du selbst.
  3. Geh auf Dein Publikum ein.
  4. Suche Dir das richtige Setting aus, das Deinen Auftritt kongenial unterstützt.

Text der Videobotschaft

„Hi Dave, Jürgen Klopp here from Liverpool in a moment like an hour before we leave to Madrid. I heard about your story and of course it is something really difficult to take even for me but of course you. But I heard you are an unbelievable fighter and the only thing I can tell you is we think of you. (Yeah?) You are really with us.“

„That is the only message I want to give to you and that you fought so hard I could not make comparisons to what the team did over the year but it is more than football, (yeah?) it is about life and the only thing what we would try to do the whole year is to give people some hope. Some joy. Some good moments to remember. „

„And we share these moments. This season or let’s say for the three and a half years since I’m in. We share these experiences. That makes us actually friends. I wish you from the bottom of my heart all the best and (yeah.) I’m Christian so see you.“*

Ich helfe Ihnen gern, den Mut zu fassen, Ihre Anliegen so souverän wie Jürgen Klopp zu vertreten. Am schnellsten ginge das im Rhetorik-Bootcamp.

*Ich habe den Text wegen der besseren Lesbarkeit etwas geglättet.

Sie wollen ein besonders wichtige Präsentation vorbereiten?

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